Prüfungsskripte
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ENTWICKLUNGSPSYCHOLOGIE DES KINDES- UND JUGENDALTERS

 

1. Gegenstand & Aufgaben der Entwicklungspsychologie

 

-          Entwicklungspsychologie (EP) handelt vom sich entwickelnden Menschen.

 

Entwicklungspsychologie untersucht...

 

 

Veränderungen                              Nicht-Veränderungen/Stabilität

                 

allgemeine               differentielle

                         

-          EP umspannt die ganze individuelle Lebensgeschichte von der Zeugung bis zum Tod.

 

-          Entwicklungsphänomene sind nicht rein vom Alter des jeweiligen Menschen abhängig, sondern von den Ereignissen in dieser Zeit/diesem Alter.

 

-          Lebensalter als Zeitdimension für die Registrierung von Veränderungen & Nicht-Veränderungen

à wichtige Informationen: Altersangaben, -verlaufskurven, - normen

 

-          Fokussierung auf nachhaltige & nachhaltig wirkende Veränderungen

à interessant sind nachhaltige Veränderungen, solche, die Auswirkungen auf

    später haben.

à Sowohl vor- als auch rückblickend (Wie hat sich ein bestimmtes Ereignis in

     der Vergangenheit auf den Menschen & seine Entwicklung ausgewirkt?

     Wie wird sich ein bestimmtes Ereignis auf seine Zukunft auswirken?)

 

-          Entwicklung = Transformation eines Ausgangszustandes in einen neuen Zustand       ¹ Ersetzung von Altem durch etwas Neues

 

1.1 Gegenstandsbestimmung

Welche Beiträge leistet die EP zur Lösung von praktischen Problemen?

Die EP...

...bietet eine Orientierung über den Lebenslauf

   à Was kann man von einem Menschen gewissen Alters erwarten? Welche

       Anforderungen sind angemessen? Usw.

...erstellt Entwicklungsprognosen

...ermittelt Entwicklungsbedingungen

   à Wie wirken sch Einflußfaktoren langfristig aus? Sind Effizienz & Effekte von

        externen Einflussfaktoren abhängig vom aktuellen Entwicklungszustand?

...begründet Entwicklungsziele

   à ermöglicht Lehrern, Eltern, etc. gezielt zu fördern

...plant & evaluiert Entwicklungsinterventionen

   à Wann sind welche Maßnahmen förderlich bzw. nicht förderlich, wie wirken sie

        sich aus (langfristig, kurzfristig)?

 

1.2 Aufgaben der EP

Beschreibung, Erklärung, Kontrolle und Vorhersage der Entwicklungsphänomene

 

1.3 Methoden der EP

-          Angewandte Methoden: Beobachtungen, Laborexperimente, Tests, etc.

-          Besonders wichtig: Erfassen von Veränderungen in der Zeit

--> Querschnitt- und Längsschnittuntersuchungen, Sequenzanalysen

 

Querschnittuntersuchungen:

Mehrere Stichproben werden zu einem Zeitpunkt untersucht.

Veränderung = Stichproben verschiedenen Alters werden miteinander verglichen.

Gefundene Unterschiede bei Werten = Entwicklungsunterschiede

Querschnittsuntersuchungen ergeben nur einen allg. Mittelwert

 

Längsschnittuntersuchungen:

Informieren über tatsächliche Entwicklung eines Menschen.

Mensch (oder mehrere) werden wiederholt untersucht.

--> Jede Entwicklung wird in ihrem Auf & Ab verfolgt.

Längsschnittuntersuchungen zeigen genau Verlaufskurve eines Individuums

--> detaillierter.

Nachteile:

o       Probandenschwund (Tod, Umzug, Verlust der Motivation)

o       Probanden werden testängstlich oder angstfreier (beeinflußt Leistungen)

o       Andere Merkmale, wie z.B. drohender Krieg beeinflussen Test, dürfen nicht als Alterseffekt interpretiert werden.

o       Ergebnis eines Längsschnitts darf nicht übergeneralisiert werden (z.B. Entwicklung der neugeborenen Kinder 1950 nicht übertragbar auf Neugeborene von 1970 à besondere Notsituation in der 50ern führte zu sog. generationsspezifischen Entwicklungen)

 

Sequenzanalysen:

Kombination aus Querschnitts- & Längsschnittuntersuchungen.

 

-          Andere Untersuchungsformen:

Wiederholungsuntersuchungen : Querschnittsuntersuchungen aus früherer Zeit werden wiederholt & miteinander verglichen

 

Kulturvergleichende Untersuchungen: querschnittartige Untersuchungen aus verschiedenen Kulturen werden miteinander verglichen

 

2. Verschiedene Richtungen der EP

 

2.1 traditionelle, allgemeine Entwicklungspsychologie

In der traditionellen EP spricht man von Entwicklung, wenn…

…es eine Veränderungsreihe mit mehreren Schritten ist

…es eine Richtung auf einen Endzustand aufweist, der höherwertig gegenüber dem Ausgangszustand ist

…die Abfolge der Schritte unumkehrbar ist

…die Veränderungen qualitativer und struktureller Natur sind, und nicht quantitativ.

…die Glieder der Veränderungsreihe auseinander hervorgehen, d.h. die frühen Glieder sind Voraussetzungen für spätere Glieder

…die Veränderungen mit dem Lebensalter korrelieren,

…die Veränderungen universell sind, d.h. natürlich & nicht kulturgebunden

 

Beispiel für einen Entwicklungsprozess, der diesen Bedingungen entspricht:

Entwicklung der Motorik im 1. Lebensjahr

 

Probleme dieses Konzeptes:

-          Viele Veränderungen kann man nicht als Abfolge mehrerer, auseinander hervorgehender Schritte bezeichnen

-          Es gibt Veränderungen, für die es keine Kriterien gibt, ob ein höheres Niveau erreicht wurde. Z. B. bei Persönlichkeitsmerkmalen, Interessen, Einstellungen. Auch Fehlentwicklungen und Abbauprozesse im Alter werden nicht berücksichtigt.

-          Reifezustand am Endpunkt der Entwicklung: Manche Entwicklungen passieren während des gesamten Lebens à nie abgeschlossen

-          Beschränkung auf qualitative Veränderungen: Viele Veränderungen beinhalten sowohl quantitative als auch qualitative Aspekte

-          Beschränkung auf universelle Veränderungen schließen kulturspezifische, differentielle und individuelle Veränderungen aus.

 

2.2 moderne, differentielle & ökologische Entwicklungspsychologie

...beachtet auch Kulturunterschiede, sowie umweltabhängige und interindividuelle Unterschiede in der Entwicklung

… versucht nicht nur zu beschreiben, sondern auch zu erklären

… beachtet die Erkenntnis, dass Individuen nicht nur von Umwelt beeinflusst werden, sondern auch selbst ihre Umwelt beeinflussen

 

2.3 Neue Kernannahmen in Forschung & Theoriebildung

Anthropologische Grundannahmen fließen in Forschungsfragen ein und leiten die Interpretation der Befunde

Je nachdem ob dem Subjekt bzw. der Umwelt ein gestaltender Beitrag zugesprochen wird, oder nicht, ergeben sich vier Theoriefamilien:

 

 

 

UM

WELT

 

 

aktiv

Nicht aktiv

S

U

B

J

 

aktiv

 

Interaktionalistische Theorien

 

Selbstgestaltungs-theorien

 

E

K

T

 

Nicht aktiv

 

Exogenistische Theorien

 

 

Endogenistische

Theorien

       

1. Kernfrage: Ist Subjekt Gestalter seiner Entwicklung oder wird die Entwicklung von inneren & äußeren Kräften gelenkt?

 

- Exogenistische Theorien:

à Mensch und seine Entwicklung sind durch externe Reize kontrollierbar und manipulierbar.

 

- Endogenistische Theorien:

à Entwicklung als Entfaltung eines angelegten Plans. Anlage & Reifung zuständig für Entwicklung. Es gibt sensible Perioden für bestimmte Entwicklungsvorgänge

 

- Interaktionistische Theorien:

à Sowohl Subjekt als auch Objekt gestalten die Entwicklung mit; Mensch & Umwelt als Gesamtsystem:

 

Präferenzen & Wahlen beeinflussen Entwicklung:

- Sowohl bewusste Entscheidungen

- Abneigungen, Ängste, Neugierde

- Jeder Mensch sucht sich seine passenden Umwelten, bevorzugt gewisse Leute, Berufe, etc.

à Folgen für Entwicklung

    

Symbolischer Interaktionismus

= Mensch gestaltet & verändert ständig das Bild von sich selbst, von anderen, von Einstellungen, Werten, Ziele

à nie nur einseitige Beeinflussung, sondern wechselseitige

à Bsp: quengelnder, weinender Säugling macht der Mutter Sorgen, nervt sie, macht sie aggressiv. Im Gegensatz dazu macht der ruhige, zufriedene Säugling die Mutter glücklich & zufrieden. Mutter reagiert auf diesen Säugling anders als auf den quengelnden…

 

            Systemisches Denken & Begriff der Passung:

Brandstädter sagt: Entwicklungsprobleme = Passungsprobleme

Entwicklungsprobleme:

o       gewisse Entwicklungsstandards werden nicht erreicht, oder

o       Enwicklungsaufgaben werden nicht bewältigt

o       Diskrepanz/ fehlende Passung zwischen

a)     Entwicklungszielen des Individuums selbst

b)     seinen Entwicklungspotentialen

c)      den Entwicklungsanforderungen im Umfeld

d)     den Entwicklungsaneboten im Umfeld (Schule, Familie,…)

 

à Entwicklungsprobleme manifestieren sich in Selbstwertroblemen, Schulschwierigkeiten, Beziehungsproblemen, beruflichen Problemen,…

 

2.4 Die Entwicklungspsychologie der Lebensspanne

Gedankengut reicht zurück bis ins 18. Jh.

Aber: erst seit 1960ern einflußreiche Verbreitung

 

Leitlinien der EP der Lebensspanne:

 

2.4.1 Entwicklung endet nicht im frühen Erwachsenenalter

-          Mensch verändert sich von der Empfängnis bis zum Tod

-          Im Gegensatz zur trad. EP: Altern nicht gleich Abbau

à Abbau von Funktionen kann teilweise kompensiert werden

            à Entwicklung ist auch Spezialisierung (=selektive Optimierung) unter

 Vernachlässigung alternativer Optionen

-          Dabei wird nicht angezweifelt, dass es im höheren Lebensalter zu einer Häufung von Verlusten kommt. Und zwar einerseits:

à Verluste auf neurobiologischem Niveau (bezügl. Der Sinnesfunktionen, Motorik, kognitiver Fkten,etc.)

und andererseits:

à Verluste auf sozialer Ebene (...von Partnern, Aufgaben, Positonen und damit Ansehen, Selbstständigkeit)

ABER: Es gibt große individuelle Unterschiede, verschiedene Fkten werden nicht bei jedem Menschen gleichermaßen reduziert!

-          Besonderes Interesse an der Frage: Welche Wachstumsmöglichkeiten bleiben im Erw.alter & höheren Alter?

à In Betracht gezogen werden: Expertenwissen,  soziale Intelligenz, Lebenswissen & -weisheit

 

2.4.2       Spielräume & Grenzen für eine Entwicklungsförderung

Auf der Suche nach Gründen für Abfall fluider Intelligenz sind zwei Hypothesen zu prüfen:

- Liegt es an fehlender Übung/Anforderung?

- Sind es neurobiologische Funktionsverluste?

1.      Schritt: Unterschiedl. Entwicklungsverläufe v. Menschen mit unterschiedl. Berufen (und damit unterschiedl. Kogn. Anforderungen) suchen

2.      Schritt: Versuchen, die fluide Intelligenz zu trainieren

 

Ergebnis: fluide Intelligenz ist auch im höheren Alter trainierbar

à ungenutzte Reservekapazitäten beim Menschen

 

Aber: es gibt auch Grenzen der Entwicklungsmöglichkeiten

Versuch: Wortlisten einprägen; Schwierigkeit wird gesteigert durch Darbietungsgeschwindigkeit der Wörter

Ergebnis: ältere Probanden schnitten auch nach Training wesentlich schlechter ab, als junge

à Hinweis auf Verlust von neurobiologischen Funktionen

 

Kompensieren von Verlusten unter Umständen möglich durch: Wissen & prozedurale Strategien, z.B. Salthouse (1984):

            Ältere Schreibkräfte schrieben genauso schnell wie jüngere, obwohl deren psychomotorische Reaktionsgeschwindigkeit nachweislich langsamer war. Ausgeglichen wurde dies durch die optimierte Fähigkeit, den Text vorauszulesen & zu verstehen.

 

2.4.3       Historischer Wandel & ontogenetische Entwicklung

 Soziologie & historischer Wandel beschreiben raschen gesellschaftl. Wandel v. Familienstrukturen, Arbeitsleben, etc.

Folge: Auch nah aufeinanderfolgende Geburtsjahrgänge unterscheiden sich

à EP müsste für jede Generation neu geschrieben werden!

Dieses Problem wurde erst spät entdeckt, lange Zeit hat man aus Querschnittsuntersuchungen gefundene Werte für gültig befunden.

à Problem, da:

            Stichproben für Querschnittsuntersuchungen nicht nur unterschiedlich alt sind,

sondern auch zu verschiedenen Geburtsjahrgängen gehören.

 

Beispiel: Altersverlaufskurve der Intelligenz (ermittelt aus

Querschnittuntersuchungen):

-          Anstieg der Leistungen bis ins frühe Erw.alter, dann kontinuierlicher Abfall

à Befunde in Wahrheit nur Leistungsunterschiede zwischen den verschiedenen Geburtsjahrgängen, kein Intelligenzverlust, da Ältere von Anfang an auf geringerem Niveau

 

3. Abriss der Geschichte der Entwicklungspsychologie

 

- Antike & Mittelalter: Keine differenzierte Ausarbeitung des Entwicklungsgedankens

- Mittelalter: Keine Idee davon, dass Kindheit & Jugend besondere Phasen sind

  (abgesehen v. biolog. Abhängigkeit); Kinder werden wie kleine Erwachsene

  behandelt

- 17. Jh.: Comenius & J. Locke machen darauf aufmerksam, dass

   Kinder ¹ Erwachsene, fordern kindgemäßen Unterricht

- 18. Jh.: Höhepunkt des Entwicklungsgedanken: J.J. Rousseau schreibt „Emile“

- Ende 18. Jh.: Verbreitung des Entwicklungsgedankens, psychologische Magazine

  erscheinen, jedoch alles noch vorwissenschaftlich

 

3.1 Anfänge einer wissenschaftlichen Entwicklungspsychologie:

- K. Marx und H. Spencer

- Charles Darwin: „Ursprung der Arten“ und „Abstammung des Menschen“

- Kindertagebücher, z.B. Piaget schreibt über Beobachtungen bei eigenen Kindern

- Vergleichende Kinderpsychologie: z.B. Hall sieht menschl. Entwicklung als Wdh.

  der kulturellen & biolog. Menschheitsgeschichte

 

3.2 Wachstum & Differenzierung

- Frühes 20. Jh.: Etablierung an Universitäten; Freud entwickelt Persönlichkeits- &

     Neurosenentwicklung; Herausbilden verschiedener Richtungen:

 

3.2.1 deskriptiv-normative Entwicklungspsychologie

-          genaue Beschreibung v. Entwicklungsniveaus & -veränderungen

-          Phasenbeschreibungen

-          Entwicklung als biologisch determinierter Prozeß

-          Keine Erfassung von Umwelteinflüssen

-          Vernachlässigung von interindividuellen Umwelteinflüssen

-          Keine Forschung nach Entwicklungsbedingungen

-          Erstellen von Meßskalen für Tests

 

3.2.2 Suche nach Kontinuitäten & Diskontinuitäten in Längsschnittstudien

-          Untersuchungen in den 1920ern über Stabilität & Instabilität, Kontinuität & Diskontinuität

à Kenntnisse über kurz- bzw. langfristige folgen von Erziehungseinflüssen

 

3.2.3 Experimentelle Kinderpsychologie

-          Funktionen der Experimente:

1.      Entwicklungsdiagnostik

2.      Experimentbedingungen liefern Hinweise auf Entwicklungsbedingungen

 

3.2.4 Erziehungs- & Sozialisationsforschung

-          Ziel einer bewußten Erziehung = Entwicklung

-          ABER: auch nicht intentionale Sozialisation führt zu Entwicklungsveränderungen

à Erziehung & Sozialisation sollten entwicklungsangemessen sein.

            à Sozialisationsforschung: Familie, Schule, Peers, etc.

 

3.2.5 Auswirkungen von Interventionen & Ereignissen

-          besonders langfristige Auswirkungen

 

3.2.6 Entwicklungsstörungen

-          mittlerweile großes Forschungsfeld

-          hat sich verselbständigt: klinische EP

 

4. Entwicklung durch Anlage- oder Umwelteinflüsse?

 

4.1 Erbanlagen & Entwicklungsumwelt

- Fakt : Erbanlagen brauchen für ihre Entwicklung geeignete Umwelt

- Trotzdem: Kontroversen über die Frage:

Was hat mehr Gewichtung: die individuellen Erbanlagen oder die individuell    erfahrenen Umwelteinflüsse?

- Beantwortung dieser Frage hat erhebliche Konsequenzen:

Wenn die Erbanlagen die Entwicklung bestimmt, kann man nur über eugenische (?) Maßnahmen die Entwicklung beeinflussen.

Wenn Umwelt die Entwicklung beeinflußt, können Bildungs-, Familien-, Wirtschaftsmaßnahmen Erfolg versprechen.

 

Objektive & subjektive Umwelt

-          Nach außen objektiv ähnliche Umwelten können von jedem Menschen anders empfunden werden. Z.B. ein Museum

-          Umgekehrt: Objektiv unterschiedliche Entwicklungskontexte können funktional äquivalent sein für die Herausbildung eines Merkmals

 

Bsp: Interesse an Technik geweckt durch

       
   
 
 

 


Großes, tolles                                  Knappheit an Infos,

Info-Angebot                                               macht neugierig

 

-          Es gibt viele unterschiedl. Kulturen auf der Welt

Jedes Kind lernt die speziellen Kennzeichen der Kultur, in der es lebt: „Alle genetisch normalen Kinder lernen das für die jeweilige Kultur normale Repertoire“ (Scarr)

Ausnahmefälle sind körperlich bzw. geistig behinderte Kinder, und solche, die nicht in einem „normalen“ Milieu der Spezies aufwachsen. Sie lernen das normale Repertoire oft nur mit Hilfe von anderen

 

è    Forschungsgegenstand der Psychologie: Was ist spezies-normale

Umwelt? Was sind spezies-normale Genome (=Anlagen)?

 

4.2 Nachweis der Bedeutung von Erbanlagen

Mehrere Möglichkeiten Vererbungseinflüsse nachzuweisen:

 

4.2.1  Chromosomale Besonderheiten

è    wenn enger Zusammenhang zwischen äußerl. Merkmal (= Phänotyp)

und chromosomaler Auffälligkeit besteht

z.B. unterschiedl. Geschlecht; Mongolismus

4.2.2       Passung in ein Erbgangsmodell

è    wenn ein Merkmal/Krankheit in aufeinander folgenden Generationen

bezügl. Aussehen & Auftreten einem bekannten Erbgangsmodell (z.B. Mendel´sche Gesetze);

Geht nur bei klar abgrenzbaren Merkmalen

è    Die meisten Merkmale werden durch mehrere Gene determiniert, hier kann

Man z.B. bei Krankheiten das Risiko aus der Auftretenshäufigkeit i. d. Verwandtschaft schätzen

è    Bei psychologischen Variablen wie Intelligenz, Dominanz, Aggressionen

Vermutet man das Zusammenwirken vieler Gene, da bringt die Erbgangsanalyse nichts. Zwei Wege:

 

Versuch der Reinzüchtung                      populationsgenetische Analysen

4.2.3       Reinzüchtung

Reinzüchtung = Individuen mit extrem phänotypischen Ausprägungen (z.B. hohes Aggressionsverhalten) wählen ähnliche Partner

è    wird die phänotypische Varianz der Nachkommen geringer, ist erbeinfluß

nachgewiesen (wenn man ausschließen kann, dass dieses Merkmal sozial vermittelt wird)

4.2.4       Populationsgenetische Analyse

è    Ähnliche Phänotypen können versch. Genome haben und ähnliche

Genome können sich in unterschiedlichen Umwelten unterschiedl. entwickeln.

Bsp:                     Mittlerer IQ (gl. Phänotyp)

 

hohe Begabung,                            schwache Begabung, 

ungünstige Umwelt                                   optimale Umwelt

è    Welche phänotypischen Unterschiede sind auf Anlageunterschiede

 zurückzuführen, welche auf Umweltunterschiede?

Um das herauszufinden, muss man eine Konfundierung der von Anlage & Umwelt vermeiden.

Familien sind dafür nicht geeignet, wohl aber

Zwillingsforschung und Adoptivkinderforschung

 

Zwillingsforschung

Zweieiige Zwillinge (ZZ) sind anlagemäßig nicht mehr verwandt als normale Geschwister.

Eineiige  Zwillinge (EZ) sind anlagemäßig identisch;

o       Wenn die Ähnlichkeit der Umwelt von Bedeutung ist, müßten sich EZ um so ähnlicher sein, je länger sie im gleichen Umfeld leben;

ABER: gleiches Umfeld objektiv ¹ gleiches Umfeld subjektiv

Studien:

- von Bracken (1933): durch Befragungen v. Eltern, Lehrern & Zwillingen

EZ sind sich ähnlicher als ZZ, auch bei getrennt aufwachsenden Zwillingen.

 

 

Forschungsbsp: Intelligenz:

Getestet wurden EZ, ZZ, normale Geschwister & nicht-verwandte Kinder die zusammen bzw. getrennt aufgewachsen sind

Ergebnis: nicht-verwandte & zusammen aufgewachsene Kinder --> keine IQ-Ähnlichkeit

è    Indiz dafür, dass Erbgut größeren Einfluß als Umwelt

 

Populatiosgenetische Analysen machen Aussagen über Erblichkeit eines phänotypischen Merkmals.

Erblichkeit E = Anteil an der Gesamtvarianz eines phänotypischen Merkmals in einer Population, der auf Anlageunterschiede zurückzuführen ist

           

            Adoptivkinderforschung:

Große Ähnlichkeit zwischen Adoptiveltern & adoptierten Kindern, hat zwei mögliche Ursachen:

1.      Selektion bei der Adoption

2.      Sozialisation der adoptierten Kinder in das Umfeld der Adoptiveltern

 

Untersuchung: Munsinger (1975):

IQ von Adoptivkindern & deren Adoptivmüttern: r=.19

IQ von Adoptivkindern & deren leiblicher Mutter: r =.34

IQ von Eltern & Kindern, die zusammen leben: r = .58

 

è    r ist die Korrelation.

è    Ergebnis deutet auf Anlageeinfluß hin

 

4.2.5       Veränderung der Erblichkeitskoeffizienten mit dem Lebensalter

-          Studien zeigen: Erblichkeitskoeffizienten sind nicht invariant, sondern werden mit zunehmendem Alter höher.

-          Plomin & Thompson (1988): Erblichkeitskoeffizient steigt von 20% (frühe Kindheit) auf 40% (Kindheit) auf 60% (Adoleszens)

-          Drei Arten der Passung zwischen Anlage und Umwelt

1.      passive Passung:

Eltern gestalten ihr Leben & Umfeld nach ihren Genomen (=Anlagen),

 beeinflußt Kind, weil es i. d. gleichen Umgebung aufwächst

2.      evokative Passung:

Kind evoziert Passung; z.B. sportliches Kind evoziert mehr Gelegenheit zum Sport (wenn Umwelt darauf reagiert)

3.      aktive Passung:

Kind wählt selbst aus den Umweltangeboten aus, was ihm entspricht

           

            Fehlende Passung: Eltern           ...verkennen Entwicklungspotentiale

                                                           ...fördern „falsche Potentiale“

                                                           ...bieten keine ausreichenden

   Entwicklungsmöglichkeiten

 

-          Passungstyp verändert sich mit zunehmendem Lebensalter:

Passive Passung wird weniger, evokative & aktive Passung nimmt zu:

In den ersten Lebensjahren können genetische Unterschiede durch Milieuunterschiede überlagert werden, mit wachsender Selbstbestimmung setzen sich die Anlageunterschiede stärker durch!

 

4.2.6       Interpretation populationsgenetischer Analysen

-          Analysen nur begrenzt generalisierbar!

-          Beschreiben nur die Verhältnisse in einer unterschiedlichen Population.

Andere Populationen können andere Ergebnisse bringen!

-          Umwelt & Anlage wirken auf viele Arten zusammen:

Umwelt kann fördernd, behindernd, kompensierend auf genotypische Potentiale & Dispositionen wirken!

Einige Auswirkungen von Anlagen werden durch Bewertungen, die die Umwelt vornimmt erst produziert: Schönheitsideal, Idealvorstellungen von Werten, Einstellung

è    diese kulturellen Bewertungen steuern Angebote & Anforderungen, die mehr oder weniger zu den genetischen Potentialen des einzelnen passen

è    beeinflussen den Selbstwert, Sozialstatus, Lebenschancen des Individuums

-          Interaktionen zwischen Anlage und Umwelt sind vielfältig; es ist Aufgabe der EP  die Art des Zusammenwirkens zu erkunden

 

5. Weitere wichtige Begriffe

 

5.1 Reifung

= kennzeichnet das allmähliche Auftreten bestimmter Verhaltensweisen während der Entwicklung, die das artspezifische Verhaltensrepertoire eines Artvertreters ausmachen.

 

Möglichkeiten für pädagogische Maßnahmen beruhen aus zwei Einflussgrößen:

-          Annahme, dass es sogenannte phasentypische Zeitfenster (sensible Phasen) für Veränderungsbemühungen gibt.

-          Das Kompetenzniveau, also der bereits erreichte Entwicklungszustand zu einem bestimmten Zeitpunkt.

 

Konzeptuelle Grundlagen von Reifung:

Reifungsprozesse sind artspezifisch, d.h.

à sie sind im Normalfall immer ausgebildet

,

à Zeitpunkt für Reifung eines Merkmals wird biologisch gesteuert.

Daher: Pädagogische Maßnahmen, die Reifung (künstl.) herbeiführen sollen, nicht sinnvoll

Aber: Wenn Maßnahmen im richtigen Augenblick ansetzen, dann effektiv.

z.B. Am Endpunkt von Reifungsprozessen

 

Veränderungen durch Reifung werden genetisch gesteuert, d.h.

à nicht unabhängig von Umwelteinflüssen

à aber: Umweltbedingungen beeinflussen nicht die Sequenz des Reifungsprozesses

Die genetische Information, die zuständig ist für Reifungsprozesse noch nicht identifiziert,

à daher schwer zu sagen, ob eine vorliegende Veränderung auf Reifung oder äußere Einflüsse zurückzuführen ist.

 

Eine Möglichkeit: Reifung dann, wenn Erfahrung ausgeschlossen werden kann.

Nicht leicht, das nachzuweisen, aber: Bestimmte Regelmäßigkeiten in der menschlichen Entwicklung geben Hinweise auf Reifungsprozesse.

 

Reifungsprozesse im Verlauf der Lebensspanne:

Es gibt positive & negative Reifungsprozesse:

Positiv: z.B. Entwicklung von Motorik beim Kind

Negativ: z. B. Abbau von gewissen Fähigkeiten im Alter

               à ABER: bei negativen Reifungsprozessen können päd. Maßnahmen den Prozeß verlangsamen oder aufhalten!

 

Motorische Reifung im ersten Lebensjahr:

Beobachtungen zeigen: Es gibt eine ziemlich unveränderliche Abfolge an Entwicklungsschritten bei Körperkontrolle, Körperbewegung und Handgeschicklichkeit.

à über verschiedene Kulturen hinweg gleich

à Umwelt kann Reifungsprozesse unterstützen/behindern aber nicht die Reihenfolge ändern

 

5.2 Sensible Phasen

= zeitlich begrenzte Entwicklungsabschnitte, in denen spezifische Umwelteinflüsse zu einer besonderen Wirkung gelangen.

 

à Nachweis bei Menschen schwierig, da Variabilität und Kompensierbarkeit von Einflüssen groß.

 

à frühe Kindheit allgemein als sensible Phase für das Lernen angesehen.

 

Kumulatives Defizit:

Entwicklungsrückstände bleiben nicht nur erhalten, sondern bilden ungünstige Ausgangslage für die Bewältigung nachfolgender Entwicklungsanforderungen.

à Betroffene fallen in Entwicklung immer weiter zurück.

 

Gibt es sensible Phasen für die Entwicklung der Intelligenz?

 

- Bloom: wesentliche Prozesse der Intelligenzentwicklung erfolgen in den ersten 5-8 Lebensjahren

- Gegenposition: Untersuchungen zur Entwicklung von Intelligenz über die gesamte Lebensspanne:

  1. Im Alter nimmt fluide Intelligenz (z.B. Problemlösefähigkeit bei neuen Informationen und schneller Geschwindigkeit) ab, kristalline Intelligenz ( von Wissen und Erfahrung) nimmt zu.
  2. Experimente belegen: kognitive Prozesse können auch im Alter trainiert & weiterentwickelt werden
  3. Mit fortschreitender Kompetenz wird Intelligenz weniger wichtig, dafür aber: bereichsspezifisches Wissen, Übung und praktische Erfahrung
  4. Ackermann: Im Verlauf der Entwicklung v. kognitiven und intellektuellen Fähigkeiten verschiebt sich der Einfluß von anlagebedingten Faktoren hin zu erfahrungsabhängigen Faktoren

 

5.3 Entwicklungsaufgaben

= Anforderungen, die im Verlauf bestimmter Lebensphasen zu bewältigen sind.

Und zwar:

-          aufgrund biologischer Reifungsprozesse (z.B. Laufen lernen)

-          aufgrund gesellschaftlicher Prozesse (z.B. Lesen lernen i. d. Schule)

-          aufgrund individueller Bedürfnisse (z.B. Sprache lernen für Beruf)

à erfolgreiche Bewältigung dieser Entwicklungsaufgaben führt zu Zufriedenheit mit sich selbst, das Nicht-Bewältigen zu Unzufriedenheit, evtl. auch psychischen Störungen

 

à Auseinandersetzung mit Entwicklungsaufgaben führt zu Konflikten und krisenhaften Situationen

à beeinflußt Entwicklungsfortschritt

 

 

 

 

 

 

 
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